2007 – Texte

Folgende Texte wurden vom Arbeitskreis Friedensgebet einvernehmlich zur Rezitation am 5.9. ausgewählt:

1. Komm!

Komm, komm, wo immer du gerade bist!
Wanderer, Andächtiger, Liebhaber des Abschieds.
Es spielt keine Rolle.
Unsere Karawane ist kein Ort der Verzweiflung.
Komm,
komm, selbst wenn du deine Gelübde schon tausendmal gebrochen hast.
Komm, komm trotzdem wieder,
Komm!

(Willigis Jäger in Anlehnung an die Inschrift des Grabs von Mevlana Dschelaleddin Rumi)

2. Das Gebot der Liebe

Ein Schüler fragte den Rabbi Schmelke: “Es ist uns geboten: Liebe deinen Genossen dir gleich. Wie kann ich das erfüllen, wenn mein Genosse mir Böses tut?”

Der Rabbi antwortete: “Du musst das Wort recht verstehen: Liebe deinen Genossen als etwas, was Du selbst bist. Denn alle Seelen sind eine; jede ist ja ein Funken aus der Urseele, und sie ist ganz in ihnen allen, wie deine Seele in allen Gliedern deines Leibes. Es mag sich einmal ereignen, dass deine Hand sich versieht und dich selber schlägt; wirst du da einen Stecken nehmen und deine Hand züchtigen, weil sie keine Einsicht hatte, und deinen Schmerz noch mehren? So ist es, wenn dein Genosse, der eine Seele mit dir ist, dir aus mangelnder Einsicht Böses erweist; vergiltst du ihm, tust du dir selber weh.”

Der Schüler fragte: “Wenn ich aber einen Menschen sehe, der vor Gott böse ist, wie kann ich dan lieben?”

” Weißt du nicht”, sagte Rabbi Schmelke, “dass die Urseele aus Gottes Wesen kam und jede Menschenseele ein Teil Gottes ist? Und wirst du dich seiner nicht erbarmen, wenn du siehst, wie einer seiner heiligen Funken sich verfangen hat und am Ersticken ist?”

(aus Martin Buber: “Die Erzählungen der Chassidim”, Manesse Verlag Zürich 1992, S. 313)

3a) Des Nachts suche ich ihn

Des Nachts auf meinem Lager suche ich ihn,
den meine Seele liebt.
Ich suche ihn und finde ihn nicht.
Aufstehen will ich, die Stadt durchziehen,
über die Plätzen, durch die Gassen,
ihn suchen, den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

(aus “Das Hohelied Salomons ” nach Martin Buber)

3b) Du brauchst Gott weder hier noch dort zu suchen

Du brauchst Gott weder hier noch dort zu suchen;
er ist nicht ferner als vor der Tür des Herzens.
Da steht er und harrt und wartet,
wen er bereit finde,
der ihm auftue und ihn einlasse.

Du brauchst ihn nicht von weit her herbeizurufen;
er kann es weniger erwareten als du,
dass du ihm auftust.
Es ist ein Zeitpunkt:
Das Auftun und das Eingehen.

(Meister Eckhart )

3c) Ich habe die ganze Welt

Ich habe die ganze Welt
auf der Suche nach Gott durchwandert
und ihn nirgendwo gefunden.

Als ich wieder nach Hause kam,
sah ich ihn an der Türe meines Herzens stehen.
“Hier warte ich auf Dich seit Ewigkeiten.”
Da bin ich mit ihm ins Haus gegangen.

(Rumi)

4a) Glücklich ist, wer Gott liebt

Heil dem Herzen, das in Lieb entzündet,
dessen Sinnen Gott allein gehört,
alles ihm geschenket, was geschaffen,
Ruhm und Freude sucht in ihm allein.

Sorglos lebt’s im heilig stillen Frieden,
weil ihr Sinnen ganz Gott zugekehrt,
froh und munter steuert sichs’s hienieden,
durch die Meereswellen sturmbewegt.

(Theresia von Avila)

4b) Aufstieg der Seele

Das ist Liebe:
Himmelwärts zu fliegen,
jeden Augenblick huntert Schleier zu zerreißen;
unser Herz vonden sichtbaren Dingen zu lösen,
nicht nur zu sehen, was uns sichtbar scheint.
Auf das Selbst zu verzichten und immerdar in Gott zu wandern
ist Anfang und Ende jeder mystischen Reise.

(Rumi)

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